Es ist wieder Schulbeginn, und wenn Sie einen Teenager haben oder kennen, ist er wahrscheinlich etwas nervös. Neuer Stundenplan, neue Mitschüler, neue Erwartungen. Wenn sich ängstliche Teenager heutzutage an uns Eltern, Lehrer und Trainer wenden, ermutigen wir sie vielleicht zu „Achtsamkeit“ – also dazu, den gegenwärtigen Moment offen und wertfrei wahrzunehmen.

Doch die Wahrheit ist, dass diese Methode der inneren Entwicklung entwicklungspsychologisch gesehen nicht immer die gesündeste ist. Achtsamkeitsratschläge sind zwar gut gemeint, werden aber oft falsch angewendet und können nicht für sich allein stehen. In dieser Phase kreisen die Ängste von Teenagern häufig um ihre fragilen, sich entwickelnden Beziehungen, die wiederum dem Selbstbild Sinn verleihen.
Deshalb vernachlässigt Achtsamkeit, die sich allzu oft ausschließlich auf das Selbst konzentriert, die Beziehungsarbeit, die Jugendliche so dringend benötigen. Das ist zwar gut, aber nicht ausreichend. Unsere eigenen Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein mitfühlender Ansatz während des Übergangs in die frühe Adoleszenz echte Vorteile bietet.
SEE Learning ist ein umfassendes, auf Mitgefühl basierendes Bildungskonzept der Emory University, das sozial-emotionales Lernen mit ethischer Urteilsfähigkeit, Resilienz und systemischem Denken verbindet. Es stattet Schüler und Lehrende mit Werkzeugen aus, um Bewusstsein, Empathie und verantwortungsvolles Handeln für das persönliche und kollektive Wohlbefinden zu fördern.
In unserer Studie mit über 600 Schülerinnen und Schülern im Alter von neun bis elf Jahren zeigten diejenigen, die am SEE-Lernprogramm teilnahmen, messbare Fortschritte in den Bereichen Perspektivenübernahme, Empathie, Selbstmitgefühl und intrinsische prosoziale Motivation, anderen zu helfen. Sie berichteten außerdem von einer stärkeren Zielsetzung im akademischen Bereich und einem größeren Gefühl der Unterstützung im Unterricht.
Im Idealfall würde Achtsamkeit mit einem Mitgefühlstraining kombiniert, das Jugendlichen hilft, ihre Beziehungen zueinander zu pflegen und zu schützen.
Warum Achtsamkeit nicht (immer) funktioniert
Wenn wir Teenagern angesichts von Beziehungsproblemen raten, einfach mal tief durchzuatmen, kann das abweisend wirken. Schlimmer noch: Es kann ihnen das Gefühl geben, noch einsamer zu sein. Und wenn Achtsamkeit als Mittel zum Stressabbau durch bloßes „Stillsitzen und Stille“ vermittelt wird, verliert sie ihre heilende Kraft.
Obwohl Studien das Potenzial von Achtsamkeit bei Jugendlichen belegen, wird sie nicht immer altersgerecht vermittelt, insbesondere nicht für Heranwachsende. Eine Analyse von Brian Galla und seinen Kollegen aus dem Jahr 2024 ergab, dass flächendeckende, schulbasierte Achtsamkeitsprogramme im Allgemeinen keine nachhaltigen Vorteile für Jugendliche brachten.
Warum? Möglicherweise liegt es daran, dass diese Programme oft das ausblenden, womit sich Jugendliche tatsächlich beschäftigen: Identitätsentwicklung, soziale Kontakte und Sinnfindung. Achtsamkeit, losgelöst von ihrem Kontext, kann sich wie eine einsame Angelegenheit anfühlen.
Wir rufen nicht dazu auf, Achtsamkeit gänzlich abzulehnen. Im Gegenteil, Jugendliche haben unserem Forschungsteam mitgeteilt, dass sie neugierig sind, mehr über Achtsamkeit zu erfahren, aber sie wünschen sich mehr als nur Strategien zur individuellen Bewältigung von Problemen.
Sie wollen nicht nur Ruhe finden, sondern sich gesehen fühlen. Sie möchten sich selbst, ihre Beziehungen und ihren Platz in der Welt verstehen.
Deshalb müssen wir in Praktiken investieren, die Beziehungen aufbauen, Zugehörigkeit fördern und Jugendliche dort abholen, wo sie stehen.
Was Achtsamkeit übersieht
Hinter der oberflächlichen Nervosität zu Beginn des Schuljahres verbirgt sich bei Teenagern eine tiefere, verletzlichere Angst: Sehen mich die Leute? Anders ausgedrückt: Hinter der Frage „Wird Mathe zu schwer sein?“ verbirgt sich vielleicht Folgendes:
- „Werden die Leute mich bemerken?“ Inmitten überfüllter Klassenzimmer und Social-Media-Feeds wollen Teenager wissen, dass ihre Anwesenheit etwas bedeutet und dass sie nicht ersetzbar oder irrelevant sind.
- „Bin ich gut genug, oder muss ich mich verändern, um dazuzugehören?“ Teenager müssen sich ständig mit den Erwartungen anderer auseinandersetzen, sei es in Bezug auf schulische Leistungen, sozialen Status oder sogar die persönliche Identität.
- „Magst du mich wirklich, oder erträgst du mich nur?“ Teenager sind sehr sensibel für soziale Signale, insbesondere solche, die ihr Authentizitäts- und Zugehörigkeitsgefühl in Frage stellen.
Diese Fragen sind nicht neu. Entwicklungspsychologen erforschen seit Jahrzehnten die Wurzeln dieser menschlichen Ängste und Sehnsüchte. Schriftstellerinnen wie Toni Morrison und Maya Angelou wussten schon lange, dass die Art und Weise, wie wir von anderen gesehen, umsorgt und wertgeschätzt werden, unser Selbstbild prägt. Und aus unserer eigenen Perspektive als Lehrer und Wissenschaftler, die Teenager in unserem Leben haben, die wir lieben, wissen wir, dass diese Fragen nicht abstrakt sind. Es sind reale Erfahrungen, die sich im Unterricht, beim Abendessen und in stillen Momenten der Selbstzweifel zeigen.
Wir können auf einer tieferen, zwischenmenschlichen Ebene helfen. Genau da setzt das Mitgefühlstraining an.
Jugendliche dort abholen, wo sie sind
Junge Menschen sind von Natur aus auf Beziehungen ausgerichtet, und aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass Jugendliche aufblühen, wenn ihnen konkrete, beziehungsorientierte Strategien an die Hand gegeben werden, um sich in ihrer komplexen sozialen Welt zurechtzufinden. In diesem Zusammenhang wird Mitgefühl zu einem zentralen Forschungs- und Übungsfeld – nicht nur eine Tugend, sondern eine Fähigkeit, die entwickelt werden kann.
Mitgefühl bedeutet hier Empathie und Handeln. Es geht über bloßes Wahrnehmen oder Beruhigen hinaus; es beinhaltet das Erkennen von Leid, sei es bei sich selbst oder anderen, und das besonnene, umsichtige Handeln, um zu helfen. Dadurch unterscheidet sich Mitgefühl von Achtsamkeit, die die Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks betont, ohne zwangsläufig eine Reaktion auszulösen.
Mitgefühl hingegen ist gelebte Achtsamkeit. Es ist ein dynamischer, kontextabhängiger Prozess, den Jugendliche erlernen, üben und in ihren Alltag integrieren können. Mit Anleitung und Unterstützung können sie mitfühlende Gewohnheiten entwickeln, die ihre Beziehungen, ihre emotionale Widerstandsfähigkeit und ihren Sinn im Leben stärken.
Mitgefühl prägt das Leben eines Kindes auf vielfältige Weise: durch familiäre Bindungen, Freundschaften, kulturelle Traditionen und spirituelle Lehren. Es beschränkt sich nicht auf den Unterricht; es ist Teil dessen, was uns menschlich macht. Und obwohl Mitgefühl ganz natürlich entstehen kann, zeigt die Forschung zunehmend, dass es auch gezielt gefördert werden kann, um die Resilienz zu stärken und die Lebensqualität zu verbessern. Für Jugendliche, die sich mit Identität, Zugehörigkeit und emotionaler Komplexität auseinandersetzen, kann die Nutzung dieser menschlichen Fähigkeit besonders wirkungsvoll sein. Mitgefühlsbasierte Praktiken können von Lehrkräften und Eltern eingesetzt werden, um die entwicklungsbedingten Fragen nach Zugehörigkeit zu beantworten, die Jugendliche ganz natürlich beschäftigen. Und wie einer von uns (Blake Colaianne) in einerStudie aus dem Jahr 2025 gezeigt hat, lassen sich Mitgefühlspraktiken Jugendlichen auf eine Weise vermitteln, die sie als zugänglich, relevant und bedeutungsvoll empfinden.
Achtsamkeit ist nicht für jeden gleich geeignet: Viele Achtsamkeitsübungen wirken auf Teenager gezwungen oder oberflächlich. Werden sie zur Verhaltenskontrolle eingesetzt („Still sitzen und leise sein“), können sie kontraproduktiv sein.
Jugendliche brauchen altersgerechte Unterstützung: Sie sind in der Phase, in der sie herausfinden, wer sie sind und wo sie hingehören. Allgemeine Achtsamkeitsübungen werden ihren emotionalen oder sozialen Bedürfnissen nicht immer gerecht.
Mitgefühl wirkt besser: Mitgefühlsbasierte Praktiken sind wissenschaftlich fundiert und helfen Teenagern, sich gesehen, wertgeschätzt und verbunden zu fühlen – genau das, wonach sie suchen.
Was Erwachsene tun können: Programme wie SEE Learning erkunden. Praktiken unterstützen, die Beziehungen aufbauen, nicht nur Regulierung.
Wenn wir die psychische Gesundheit und Resilienz von Jugendlichen fördern wollen, müssen wir Achtsamkeit nicht länger als alleinige Lösung betrachten, sondern sie aus einer mitfühlenden, beziehungsorientierten Perspektive neu definieren. Indem wir Achtsamkeit und Mitgefühl miteinander verbinden, gehen wir weg von der bloßen Aufforderung an Jugendliche, „innezuhalten und zu atmen“, um Stress zu bewältigen, und erkennen stattdessen die menschlichen Bedürfnisse an, die den Stress überhaupt erst ausgelöst haben. Wenn wir mit „Ich sehe dich, und was du sagst, ist wichtig“ beginnen, fällt es uns vielleicht sogar leichter, innezuhalten und zu atmen. Der grundlegende Unterschied liegt darin, dass Achtsamkeit das Selbst schützen und stärken kann, Jugendliche aber Strategien brauchen, um ihre sozialen Bindungen zu schützen und zu pflegen – die Beziehungen, die ihrem Leben Sinn geben.
Schulbasierte Programme wie SEE Learning zeigen, was in der Empathieerziehung möglich ist. Als führende Forscherin im Bereich des sozial-emotionalen und ethischen Lernens habe ich die Forschung von SEE Learning in verschiedenen Ländern, darunter auch in Konfliktgebieten wie der Ukraine, mitgestaltet.
In meiner Studie aus dem Jahr 2025 stellten wir fest, dass mitgefühlsorientierte Ansätze Empathie, Motivation und das Klassenklima von Grundschülern verbesserten. Eine separate qualitative Studie in der Ukraine ergab zudem, dass Lehrkräfte SEE Learning als unerlässlich für die Verarbeitung von Traumata und den Aufbau emotionaler Resilienz in Kriegszeiten beschrieben. Diese Ergebnisse unterstreichen die weltweite Relevanz mitgefühlsorientierter Bildung – nicht nur als Lehrplan, sondern auch als humanisierende Kraft in Schulen.
Als Wissenschaftler im Bereich der Mitgefühlsforschung haben wir festgestellt, dass es evidenzbasierte Instrumente gibt, die Jugendliche auf eine Weise unterstützen können, wie es Achtsamkeitsübungen allein nicht leisten können. Diese Instrumente helfen Jugendlichen, sich gesehen, wertgeschätzt und verbunden zu fühlen – denn genau das brauchen sie entwicklungspsychologisch am meisten.
Auch wenn Sie Ihren Teenager (oder Ihre Schüler) vielleicht nicht einem formellen Empathie-Training unterziehen können, gibt es doch bestimmte Prinzipien, die sich an jede Situation anpassen lassen, ob zu Hause oder in der Schule.
Während wir uns auf den Schulbeginn vorbereiten, sollten wir uns diese Weisheit zu Herzen nehmen: Unsere Anwesenheit und unsere Fürsorge sind es, die das Selbstgefühl eines Teenagers prägen und ihm das Gefühl geben, sicher genug zu sein, um Risiken einzugehen und zu wachsen.
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1 PAST RESPONSES
It is part of a wider practice and not a solution unto itself . It is wonderful that mindfulness is being introduced to teenagers as a way of understanding themselves. I think however that it needs to be taught as part of the 8 fold path. As part of a daily practice of self discipline and self discovery.