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Warum Manche Länder glücklicher sind, Als Ihr Reichtum Vermuten lässt

Der Weltglücksbericht erregt jedes Jahr Aufsehen mit Ranglisten, die einige Länder als die „glücklichsten“ und andere als die „unglücklichsten“ bezeichnen. Diese Listen rufen oft Nationalstolz, Enttäuschung, Debatten oder gar Konkurrenzkampf hervor. Doch so informativ diese Ranglisten auch sein mögen, sie übersehen einen wichtigen Punkt: Sie vergleichen Länder, ohne die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu berücksichtigen.

Betrachten wir zur Veranschaulichung zwei Fabriken, eine große und eine kleine. Die große Fabrik produziert insgesamt mehr Güter, verfügt aber auch über deutlich mehr Maschinen, Arbeitskräfte und Ressourcen. Die kleine Fabrik produziert absolut gesehen weniger, ist aber im Verhältnis zu ihrer Größe und ihren Ressourcen möglicherweise effizienter. Würde man die kleine Fabrik nach denselben Maßstäben wie die große bewerten, würde ihre im Verhältnis zu ihren Mitteln höhere Effizienz nicht erkannt.

Dieselbe Logik gilt für Nationen und Glück. Wohlhabendere Länder weisen tendenziell eine höhere Lebenszufriedenheit auf als ärmere, doch Reichtum allein bestimmt nicht das Glück einer Nation. Manche einkommensschwache Länder sind bemerkenswert effizient darin, Glück zu erzeugen, während manche wohlhabende Länder im Verhältnis zu ihren Ressourcen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

In meiner kürzlich im European Journal of Social Psychology veröffentlichten Studie habe ich ein neues Messinstrument entwickelt, die vermögensbereinigte Lebenszufriedenheit (WALS), um diesen Unterschied zu erfassen. WALS fragt nicht nur „Wie glücklich ist dieses Land?“, sondern auch „Wie glücklich ist dieses Land angesichts seines Reichtums?“. Anders ausgedrückt: Wie effektiv wandelt ein Land seine wirtschaftlichen Ressourcen in subjektives Wohlbefinden um?

Die auf Daten aus 116 Ländern basierenden Ergebnisse stellen eine der gängigsten Annahmen über Glück in Frage: dass Reichtum automatisch glücklich macht. Stattdessen offenbaren die Resultate ein komplexeres und hoffnungsvolleres Bild.

Eine neue Methode zum Vergleich von Ländern

Die durchschnittliche Lebenszufriedenheit korreliert stark mit dem nationalen Wohlstand. Die Beziehung zwischen dem BIP pro Kopf und der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit ist sehr stark, was bedeutet, dass wohlhabendere Länder im Allgemeinen höhere Werte erzielen, während ärmere Länder tendenziell im unteren Bereich liegen.

Dieser Ansatz übersieht jedoch wichtige Nuancen: Länder mit ähnlichem BIP können sehr unterschiedliche Glücksniveaus aufweisen. Durch die Anpassung der Lebenszufriedenheitswerte an das BIP pro Kopf bietet der WALS (Wholesale Life Satisfaction Index) ein kontextsensitiveres Maß für Wohlbefinden. Statistisch gesehen wird der WALS berechnet, indem der durch Wohlstand erklärte Anteil der Lebenszufriedenheit herausgerechnet wird. Diese Studie berechnete die WALS-Werte für 116 Länder anhand von Daten der Gallup World Poll 2020. Die resultierende Weltkarte des WALS und die Länderrangliste sind unten dargestellt. Ein positiver WALS-Wert zeigt an, dass ein Land glücklicher ist, als sein Wohlstand vermuten lässt; ein negativer Wert deutet auf ein geringeres Glücksempfinden als erwartet hin; ein Wert nahe null legt nahe, dass das Glücksempfinden eines Landes den Erwartungen angesichts seines Wohlstands entspricht.

Überraschende Gewinner und Verlierer

Wenn Länder von WALS eingestuft werden, sieht die Liste anders aus als der bekannte Weltglücksbericht.

Einige der leistungsstärksten Länder sind vergleichsweise einkommensschwache Nationen. So erzielen beispielsweise Nicaragua, Nepal und Kirgisistan im WALS-Index deutlich höhere Werte, als ihr BIP vermuten lässt. Trotz begrenzter materieller Ressourcen berichten die Bürger dieser Länder von einer Lebenszufriedenheit, die mit derjenigen deutlich wohlhabenderer Länder vergleichbar ist oder diese sogar übertrifft. Andererseits schneiden einige wohlhabende Länder unterdurchschnittlich ab. Südkorea, Hongkong und Bahrain, die alle ein relativ hohes BIP pro Kopf aufweisen, verzeichnen ein geringeres Glücksniveau als erwartet. Diese Gesellschaften erwirtschaften beträchtlichen Wohlstand, scheinen diesen aber weniger effektiv in subjektives Wohlbefinden umzuwandeln.

Die Analyse ergab zudem deutliche regionale Unterschiede, wie unten dargestellt. Nordamerika und Australien/Neuseeland wiesen die höchste vermögensbereinigte Lebenszufriedenheit auf, was darauf hindeutet, dass diese Regionen nicht nur ein hohes absolutes Glücksempfinden aufweisen, sondern auch im Verhältnis zu ihrem Wohlstand gut abschneiden. Im Gegensatz dazu erzielten Ostasien und die MENA-Region (Naher Osten/Nordafrika) die niedrigsten Werte im vermögensbereinigten Lebenszufriedenheitsindex.

Warum erreichen manche Nationen mit weniger Ressourcen ein höheres Maß an Glück? Um diese Frage zu beantworten, untersuchte ich eine Vielzahl sozialer, kultureller und psychologischer Variablen. Dabei erwiesen sich mehrere Faktoren als besonders wichtig, da Länder mit einem hohen Niveau dieser Faktoren tendenziell höhere WALS-Werte aufweisen:

  • wahrgenommene Arbeitsqualität (Zufriedenheit mit den psychologischen Aspekten der Arbeit, einschließlich Autonomie und Engagement);
  • ein Gefühl der Freiheit, Entscheidungen zu treffen;
  • Genusserlebnisse; und
  • Soziales Kapital (einschließlich Freiwilligenarbeit, Hilfe für andere und Möglichkeiten, neue Freundschaften zu knüpfen).

Ländercluster

Als die Länder anhand ihres Wohlstands und ihres WALS mithilfe eines Clustering-Algorithmus gruppiert wurden, ergaben sich drei unterschiedliche Muster:

Cluster 1: Länder mit niedrigen WALS-Werten über ein breites Spektrum an Wohlstandsniveaus hinweg. Die Länder dieses Clusters schneiden in unterschiedlichem Maße schlecht ab, wenn es darum geht, Ressourcen in Glück umzuwandeln.

Cluster 2: Wohlhabende Länder, die auch beim WALS hohe Werte erzielen, was darauf hindeutet, dass sie ihren hohen Wohlstand effektiv in ein hohes subjektives Wohlbefinden umsetzen.

Cluster 3: Die beeindruckendste Gruppe – Länder mit niedrigem BIP pro Kopf, aber überraschend hoher Lebenszufriedenheit, die angesichts ihres Wohlstandsniveaus nicht zu erwarten wäre. Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen erreichen viele dieser Länder eine vergleichbare oder sogar höhere Lebenszufriedenheit als ihre deutlich reicheren Pendants. Weitere Analysen zeigten, dass sich diese Ländergruppe durch kollektivistische und religiöse Werte, eine relativ hohe wahrgenommene Arbeitsqualität und ein starkes prosoziales Engagement auszeichnet. Dieses letzte Cluster verdeutlicht, dass Glück kein ausschließliches Privileg wohlhabender Nationen ist, wenn man den jeweiligen Kontext berücksichtigt.

Warum das wichtig ist

Diese Ergebnisse haben mehrere Implikationen.

Erstens stellen sie die Annahme in Frage, dass allein der nationale Wohlstand das Glück bestimmt. Höhere Einkommen bieten zwar Ressourcen, die das Wohlbefinden fördern können, reichen aber nicht aus. Gesellschaften, die sich ausschließlich auf Wirtschaftswachstum konzentrieren, übersehen möglicherweise andere wesentliche Faktoren der Lebenszufriedenheit, wie etwa die Qualität der Arbeit, ein Gefühl persönlicher Freiheit, starke soziale Bindungen und positive emotionale Erfahrungen. Politische Maßnahmen, die wirtschaftliche Entwicklung mit Investitionen in diese nicht-ökonomischen Faktoren verbinden, tragen eher zu nachhaltigen Verbesserungen des nationalen Wohlbefindens bei.

Zweitens verdeutlichen die Ergebnisse, dass unbereinigte Lebenszufriedenheitsrankings, wie beispielsweise im Weltglücksbericht, nur eine Dimension des nationalen Glücks erfassen. Messgrößen wie WALS, die den Wohlstand berücksichtigen, bieten eine ergänzende Perspektive für die Untersuchung des Wohlbefindens jenseits des BIP.

Die Ergebnisse legen schließlich nahe, dass auch Länder mit niedrigem Einkommen wertvolle Erkenntnisse liefern können. Internationale Vergleiche gehen oft davon aus, dass Wissen von reichen zu ärmeren Ländern fließt. WALS zeigt jedoch, dass einige einkommensschwache Gesellschaften wirksame Wege gefunden haben, trotz materieller Einschränkungen Glück zu bewahren. Die Anerkennung dieser Stärken eröffnet Möglichkeiten für gegenseitiges Lernen über Kulturen und Regionen hinweg. WALS offenbart eine Welt mit einem vielfältigeren Potenzial für Glück, als gängige Rankings vermuten lassen, und erinnert uns daran, dass kein Land, ob reich oder arm, ein Monopol auf ein gutes Leben besitzt.

Die Studienergebnisse legen nahe, dass sich Nationen nicht nur durch ihren Wohlstand oder ihre durchschnittliche Lebenszufriedenheit unterscheiden, sondern auch dadurch, wie effektiv sie Wohlstand in subjektives Wohlbefinden umwandeln. Dies verweist auf ein oft vernachlässigtes Ziel von Gesellschaften: Anstatt sich allein auf die Steigerung von Einkommen oder die Verbesserung von Glückswerten in Umfragen zu konzentrieren, besteht die größere Herausforderung darin, sicherzustellen, dass Ressourcen effizient in ein sinnvolles und erfülltes Leben umgewandelt werden.

Die Frage lautet daher: Welche Praktiken oder Werte ermöglichen es einigen Ländern, unabhängig vom Einkommen, mit ihren vorhandenen Ressourcen mehr zu erreichen, und was kann der Rest der Welt daraus lernen? Indem wir über wirtschaftliche Kennzahlen hinausblicken und kulturelle, soziale und psychologische Erkenntnisse einbeziehen, können wir beginnen zu verstehen, welche Bedingungen das Gedeihen von Gemeinschaften am besten fördern. Für politische Entscheidungsträger stellt diese Perspektive sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance dar: Da sie selten Teil der herkömmlichen politischen oder wirtschaftlichen Debatte ist, besteht ein dringender Bedarf, sie mithilfe wissenschaftlicher Methoden in die Öffentlichkeit einzubringen.

Letztlich dürfte der Aufbau von Gesellschaften, die dem umsichtigen Umgang mit Ressourcen zum Wohle der Menschen Priorität einräumen, der klarste Weg in eine hoffnungsvollere und humanere Zukunft sein.

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COMMUNITY REFLECTIONS

3 PAST RESPONSES

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freda karpf Oct 8, 2025
The United States and other countries have a long road to walk down to understand and implement the connections between wellbeing, doing good, service and taking care of our world. But it's a good walk and I look forward to meeting others on the road.
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Rick Brooks Oct 8, 2025
Thank you for sharing this work. Wonderful to have a new, broader perspective on these issues. But...the challenge of having such indices based on nations, often determined by borders based on political decisions as well as natural resources, multiculural differences, etc., tends to blur the value of such measures. More and more, communities offer better (more instructive, insightful, replicable, affordable) units of study. Villages, towns, neighborhoods rather than just cities or counties or nations which have much more complicated mixes of humanity. Having lived or spent time in India, Tunisia, Jamaica, Peru, Sri Lanka, Central America portions of Europe and being familiar with many other nations, I find it difficult to answer the question "how did you like (name the country)?" A meaningful answer requires too many interdependent variables, and relies too much on the personal experience of the observer.
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Mia pierce Oct 8, 2025
Very interesting. Thank you for your research and I hope others take note. Community and belonging are important. The search for Material wealth can be part of our downfall.