Vor etwa einem Monat berichtete ich auf einem Retreat in Mauterndorf, Österreich, von meiner Arbeit mit Obdachlosen. Ich reflektierte darüber, wie sie mir ihren Schmerz anvertrauen, wie sie ihre Bitterkeit mit in mein Büro bringen … aber vor allem darüber, wie meine Kollegen und ich versuchen, ihnen wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ihnen eine kurze Auszeit von ihren Tränen zu schenken und ihnen Kraft und Zuversicht für die Zukunft zu geben.
Nachdem ich meine Gedanken mitgeteilt hatte, kam einer der Teilnehmer auf mich zu. Ich weiß nicht, ob er möchte, dass ich seinen Namen nenne, deshalb belasse ich es lieber dabei.
„Ich habe einen Schlafsack“, bot er an. „Wäre es hilfreich, wenn ich ihn Ihnen gäbe? Ich komme die nächsten Tage hier auch ohne ihn aus.“ Dankbar nahm ich den Schlafsack entgegen und brachte ihn zu unserer Notunterkunft in Wien.
Dorthin können Menschen kommen, die auf der Straße leben und sonst nirgendwo hin können.
Sie kommen, um sich aufzuwärmen, um zu essen, um zu duschen, um Schutz vor der Gewalt auf den Straßen zu suchen oder um mit mir zusammenzuarbeiten, um ihr Leben zu verbessern.
Leider sind unsere Betten oft belegt. Wenn nachts jemand an die Tür klopft und wir kein freies Bett haben, versuchen wir, woanders eine Schlafgelegenheit zu organisieren. Falls das nicht klappt, geben wir der Person wenigstens einen Schlafsack, damit sie draußen nicht so sehr friert.
Darüber hinaus gibt es auch Menschen, die so krank sind, dass sie beispielsweise keine Notunterkunft annehmen können – sie fühlen sich verfolgt, sehen Bilder, die wir nicht sehen, oder sie sagen: „Mir wurde so oft wehgetan, da lege ich mich lieber in den dunklen Wald, als in einem Zimmer mit anderen Menschen zu sein.“ Und genau das tun sie dann auch. Wir als Sozialarbeiter besuchen sie im Wald und fragen sie, ob sie etwas brauchen.
Ich habe den Schlafsack für all diese Seelen geliefert.
Ein paar Nächte später war es soweit. Unsere Notunterkunft war wieder voll belegt, und nach Mitternacht klingelte es an der Tür. Eine Frau fragte, ob noch ein Bett frei sei. Sie war nur spärlich bekleidet, und es war bereits recht kalt. Wir kannten die Frau; sie lebte schon seit vielen, vielen Jahren auf der Straße. Wir baten sie zu warten, damit wir telefonisch eine Unterkunft für sie finden konnten.
Leider ist diese Frau psychisch krank. Manchmal ist ein längeres Gespräch mit ihr unmöglich, manchmal klappt es. An jenem Abend war es fast unmöglich, ruhig mit ihr zu reden. Sie wollte sich gerade umdrehen und in die Nacht hinausgehen, als wir noch ein letztes Zauberwort hatten: „Moment mal, möchten Sie einen Schlafsack?“ Sie blieb stehen: „Oh bitte, bitte!“
Einige Tage später traf ich sie wieder. Sie hatte einen sehr guten Tag, und wir konnten uns angeregt unterhalten. Ich fragte sie nach der Nacht, und sie schwärmte davon, wie sehr ihr der Schlafsack geholfen hatte. Ich erzählte ihr die Geschichte des Schlafsacks, wie er von einem Treffen in dem kleinen Dorf Mauterndorf zu unserer Gemeinschaft in Wien gekommen war.
Ich sagte zu ihr: „Dieser Mann kam zu mir. Ich glaube, es ist ihm wichtig, dass du nicht frierst! Ich glaube wirklich, es ist ihm wichtig, dass du warm bist! … Ja, du hast recht. Er kennt dich nicht! … Dieser Mann kennt dich nicht, aber ich glaube, du bist ihm wichtig! Weißt du, ich glaube, dass wir alle miteinander verbunden sind, und vielleicht denkt dieser Mann das auch. Und wenn wir alle miteinander verbunden sind … vielleicht kennt er dich ja doch? Vielleicht kennst du ihn? Vielleicht kennen wir uns alle. Hör mal, ich weiß nicht, was dein Lieblingsessen ist, aber ich kann mir vorstellen, dass du eins hast! Ich kann mir vorstellen, dass es ein Gericht gibt, bei dem du sagst: ‚Oh ja, ja, ja, darauf freue ich mich schon‘, und wenn du den ersten Löffel nimmst, sagst du: ‚Mmm, das ist gut!‘“
Sie sagte: „Ja, ja, ja: Spaghetti!“
Und ich antwortete: „Siehst du, ich esse gerne Schokoladenknödel. Ooooh!“
Wir legten beide die Hände auf den Bauch und machten ein „Ooooh! Mmm, das ist lecker!“. Dann lachten wir, und ich sagte: „Siehst du! In dieser Geschichte geht es nicht um das Essen, sondern um unsere beiden Gesichter! Schau, wir sehen gleich aus. Ich glaube, dieser Mann hat auch ein Lieblingsessen. Und vielleicht freut er sich ja riesig, dir seinen Schlafsack gegeben zu haben.“
Sie sagte: „Ja, so wie Sie ihn beschreiben, denke ich, dass er glücklich sein wird.“
Ich antwortete: „Na, sieh mal einer an, dann kennen wir uns ja doch alle drei!“
Wir lachten laut auf.
Sie lächelte mit den strahlenden Augen eines kleinen Mädchens. Sie bat mich, Ihnen davon zu erzählen und Ihnen zu danken.
Dieser Mann aus dem Retreat wusste nicht, wann der Schlafsack verteilt werden würde. Er wusste nicht, wer ihn bekommen würde. Er kannte diese Frau nicht, er kannte ihre Geschichte nicht – und doch sprach sein Herz: „Du bist wichtig!“
Ich neige ehrfurchtsvoll den Kopf vor diesem Augenblick, in dem ich Zeuge des Geschehens zwischen diesen beiden Menschen werden durfte.
Hunderte von Kilometern trennen diese beiden Menschen, aber gleichzeitig haben wir gelernt: Der kürzeste Weg führt zwischen zwei Herzen!

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