Back to Stories

Die Aufgabe Der Liebe Besteht darin, Zu Lieben

Mein Leben auf Erden hat mich an zwei mächtige Instrumente glauben lassen, die Erfahrung in Liebe verwandeln: Halten und Zuhören. Denn jedes Mal, wenn ich gehalten habe oder gehalten wurde, jedes Mal, wenn ich zugehört habe oder mir zugehört wurde, brennt Erfahrung wie Holz in diesem ewigen Feuer, und ich finde mich in der Gegenwart der Liebe wieder. Das war schon immer so. Betrachten Sie diese beiden alten Überzeugungen, die die Weisheit und Herausforderung des Haltens und Zuhörens in sich tragen.

Die erste ist die uralte Vorstellung, man könne den Ozean hören, wenn man eine Muschel ans Ohr hält. Das scheint immer zu funktionieren. Medizinische Untersuchungen haben gezeigt, dass man, wenn man diese Muschel ans Ohr hält, tatsächlich seinen eigenen Puls hört – den Ozean des eigenen Blutes, der einem wiedergegeben wird. Doch diese Tatsache mindert dieses Mysterium nicht. Sie verstärkt es nur. Denn das Halten einer Muschel ans Ohr lehrt uns, das Ganze durch die Teile zu hören und das Universum in uns zu entdecken. Es lehrt uns, dass wir, wenn wir es wagen, ein anderes Wesen wie eine Muschel ans Ohr zu halten, sowohl das Mysterium allen Lebens als auch den Ozean unseres eigenen Blutes hören.

Erstaunlicherweise trägt jedes Wesen die Geschichte des Universums in sich. Jede Seele ist eine von den Strömungen der Tiefe geformte Hülle. Auch physisch ähnelt das Innenohr – diese empfindliche Quelle des Gleichgewichts – einer Muschel. Und so zeigt uns alles, was wir in der Hand halten und hören, wo es in der Welt und in uns lebt.

Das bringt uns zum zweiten Glauben: dem Volksglauben, dass ein Pferd, das sich ein Bein bricht, eingeschläfert werden muss. Ich habe herausgefunden, dass das nicht stimmt. Es stimmt tatsächlich, dass es passiert. Züchter erschießen Pferde mit gebrochenen Beinen, als gäbe es nichts zu tun. Aber jetzt weiß ich, dass sie das für sich selbst tun, weil sie sich nicht um ein Pferd kümmern wollen, das nicht laufen kann.

Auf diese Weise durchtrennen ängstliche und egoistische Menschen die Verbindung zu den Gebrochenen. Sie wollen nicht mit einem Freund zusammensitzen, der kein Morgen findet, sie wollen nicht mit jemandem belastet sein, der sie ausbremst, sie wollen sich nicht dem stellen, was in ihnen selbst zerbrochen ist. Darin liegt die Herausforderung des Mitgefühls. Denn wenn wir es wagen, die Gedrückten zu halten, sie nah zu halten, erklingt die Wahrheit des Haltens und Zuhörens, und wir erfahren die Weisheit gebrochener Knochen und der Heilung.

Diesen stillen Mut brauchen wir alle. Den Mut, mit all unserer Persönlichkeit abzuwarten und zu beobachten. Den Mut, zuzugeben, dass wir nicht allein sind. Den Mut, einander ans Ohr zu fassen. Und den Mut, uns um Dinge zu kümmern, die kaputt sind.

Der Übungsplatz für diesen Mut sind immer die kleinen Dinge. Indem wir kleine Dinge mit großer Liebe tun, wie Mutter Teresa es ausdrückte, lernen wir, mutig zu sein. In Wahrheit liegt die Liebe darin, sich ganz und gar um kleine Dinge zu kümmern. Solches Zuwenden öffnet das Geheimnis. Durch die Großzügigkeit unserer kleinsten Aufmerksamkeit betreten wir den Ozean der Liebe, der uns alle trägt.

Die Aufgabe der Liebe besteht schlicht und ergreifend darin, zu lieben. Denn in diesem Akt erwacht das Universum zum Leben. Diese Lebendigkeit ist der Raum, der sich zwischen uns öffnet, wie Martin Buber sagt, wenn sich zwei verbeugen und aufrichtig berühren.

Mark Nepo aus „Das exquisite Risiko: Ein authentisches Leben wagen“

Share this story:

COMMUNITY REFLECTIONS

2 PAST RESPONSES

User avatar
Marc Samuel Jul 27, 2019

This made me happy, which has been rare recently. Thanks for sharing and writing this. -Marc

User avatar
Patrick Watters Jul 26, 2019
The Pilgrim and the Poustinik - a very short storyThe pilgrim had been traveling for many days, through many moons. He had seen much during his journey, learned many things, but still had not found what his heart was searching for.Finally, while walking at night in a dark wood where only small, barely visible animal paths guided him, he saw a dim glow in the distance. As he got closer he realized the light came from a small dwelling, a shack which seemed to glow itself? He approached the poustinia with both great anticipation and great fear.Now at the door he could make out the form of an old hermit, a poustinik. “Ah pilgrim, I have been waiting for you, welcome.” “Sir, who are you?” asked the pilgrim. “Who I am does not matter, but I have your answer.”The pilgrim was puzzled but mysteriously hopeful. He had not even posed the question on his heart, he had only asked “Who are you?” “Come, tell me of your travels, what have you seen and learned?” The poustin... [View Full Comment]