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Wendell Berry: Wozu Sind Menschen da?

Auszug aus „What Are People For“, einer Essaysammlung von Wendell Berry

ICH

Die Gnade der Gesundheit der Geschöpfe kann nur gemeinsam bewahrt werden.
Bei der Heilung kommen die verstreuten Mitglieder zusammen.
In der Gesundheit wird das Fleisch beschenkt, das Heilige kommt in die Welt.

II

Die Aufgabe der Heilung besteht darin, sich selbst als Geschöpf zu respektieren, nicht mehr und nicht weniger.
Ein Geschöpf ist kein Schöpfer und kann es auch nicht sein. Es gibt nur eine Schöpfung, und wir sind ihre Glieder.
Kreativ zu sein bedeutet nur, gesund zu sein: sich selbst in der Schöpfung lebendig zu halten, die Schöpfung in sich selbst lebendig zu halten, die Schöpfung neu zu sehen, seinen Anteil daran neu willkommen zu heißen.
Die kreativsten Arbeiten sind allesamt Strategien dieser Gesundheit.
Stolze Werke selbsternannter Schöpfer, die Wert auf Originalität legen, reduzieren die Schöpfung auf Neuheit, auf schwache Überraschungen von Geistern, die nicht fähig sind, sich zu wundern.
Auf der Suche nach Originalität arbeitet der angehende Schöpfer allein. In der Einsamkeit übernimmt er eine Verantwortung für sich selbst, der er nicht gerecht werden kann.
Neuheit ist eine Art Einsamkeit.

III

Stolz ist ein schlechtes Werk. Verzweiflung ist ein schlechtes Werk, wenn sie aus dem Fehlen von Hoffnung oder Vision heraus geschieht.
Verzweiflung ist ein Zuwenig an Verantwortung, und Stolz ist ein Zuviel an Verantwortung.
Die schäbige Arbeit der Verzweiflung und die sinnlose Arbeit des Stolzes sind gleichermaßen ein Verrat an der Schöpfung. Sie sind eine Verschwendung von Leben.
Für Verzweiflung gibt es keine Vergebung, und für Stolz auch nicht. Wer kann in der Einsamkeit vergeben?

IV

Gute Arbeit findet den Weg zwischen Stolz und Verzweiflung.
Es schenkt Gesundheit. Es heilt mit Anmut.
Es bewahrt das Gegebene, sodass es ein Geschenk bleibt.
Dadurch verlieren wir die Einsamkeit:
wir greifen denen die Hände, die vor uns gehen, und denen die nach uns kommen.
wir schließen uns in den kleinen Kreis unserer Arme,
und der größere Kreis der Liebenden, deren Hände zum Tanz gefaltet sind,
und der größere Kreis aller Geschöpfe, die ins Leben treten und es wieder verlassen und sich ebenfalls in einem Tanz zu einer Musik bewegen, die so subtil und gewaltig ist, dass kein Ohr sie außer in Fragmenten hört.

V
Und dadurch gelangen wir in die Einsamkeit, in der wir auch die Einsamkeit verlieren.
Der Versuch, die Einsamkeit zu teilen, kann nur zu Zwietracht führen.
Wahre Einsamkeit findet man in der Wildnis, wo man keine menschlichen Verpflichtungen hat.
Die inneren Stimmen werden hörbar. Man spürt die Anziehungskraft seiner innersten Quellen. Dadurch reagiert man klarer auf andere Leben. Je mehr man als Geschöpf in sich selbst stimmig wird, desto tiefer tritt man in die Gemeinschaft aller Geschöpfe ein.
Man kehrt aus der Einsamkeit zurück, beladen mit den Gaben der Umstände.
VI
Und dieser Rückkehr kann man nicht entgehen.
Von der Ordnung der Natur kehren wir zur Ordnung und Unordnung der Menschheit zurück.
Vom größeren Kreis müssen wir zurück zum kleineren, dem kleineren innerhalb des größeren und davon abhängig.
Dem größeren Kreis tritt man bei, wenn man bereit ist, ein Geschöpf zu sein, dem kleineren, wenn man sich entscheidet, ein Mensch zu sein.
Und wenn wir aus dem Wald zurückkehren, erinnern wir uns mit Wehmut an seine Ruhe. Denn alle Lebewesen dort sind an ihrem Platz und daher in Ruhe.
In ihrem anstrengendsten Streben, schlafend und wachend, tot und lebend, liegen sie in Ruhe.
Im Kreis der Menschen sind wir vom Streben müde und finden keine Ruhe.

VII

Ordnung ist die einzige Möglichkeit zur Ruhe.
Die geschaffene Ordnung muss die gegebene Ordnung suchen und ihren Platz in ihr finden.
Das Feld muss sich an den Wald erinnern, die Stadt muss sich an das Feld erinnern, damit sich das Rad des Lebens dreht und den Sterbenden das Neugeborene begegnet.
Die verstreuten Mitglieder müssen zusammengeführt werden.
Der Wunsch wird immer das Mögliche übertreffen. Doch das Mögliche zu erfüllen bedeutet, es zu erweitern.
Das Mögliche, Erfüllte ist zeitgemäß in der Welt, ewig im Geist.
Wer kann angesichts der Arbeit, die zu erledigen ist, dem Wunsch widerstehen, derjenige zu sein, der sie erledigt?
Doch man hat Angst, dass es keine Ruhe geben wird, bis die Arbeit beendet ist und das Haus in Ordnung ist, der Bauernhof in Ordnung ist, die Stadt in Ordnung ist und es allen Angehörigen gut geht.
Aber es ist der Stolz, der mit seinem Verlangen und seiner Trauer nachts wach liegt.
Wer diese Arbeit allein verrichtet, scheitert. Da hilft nichts. Einsamkeit ist das Versagen.
Es ist Verzweiflung, wenn man das Scheitern der Arbeit am eigenen Versagen erkennt.
Diese Verzweiflung ist der peinlichste Stolz von allen.

VIII

Endlich ist der Stolz da, sich ohne Lehrer vorstellen zu können.
Lehrer gibt es überall. Gesucht wird ein Lernender.
In der Unwissenheit liegt Hoffnung. Hätten wir die Schwierigkeit gekannt, hätten wir nicht so wenig gelernt.
Verlassen Sie sich auf Unwissenheit. Lehrer werden zu Unwissenheit gelangen.
Sie warten, wie immer, jenseits der Grenze des Lichts.

IX

Die Lehren unerwarteter Lehrer gehören zu dieser Aufgabe und sind ihre Hoffnung.
Die Liebe und die Arbeit von Freunden und Liebhabern gehören zu der Aufgabe und sind ihr Heil.
Ruhe und Freude gehören zu dieser Aufgabe und sind ihre Gnade.
Lass den morgigen Tag kommen. Nicht durch deinen Willen wird das Haus durch die Nacht getragen.
Ordnung ist die einzige Möglichkeit zur Ruhe.

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